Persönliches, Eine neue Welt

Rassismus, Gewalt, Unterdrückung: Hoffnung, auch wenn du an der Menschheit verzweifelst

Ich verzweifle regelmäßig an der Menschheit als solches. Lernen wir jemals? Entwickeln wir uns endlich mal wirklich weiter? Wir haben so viel Wissen, die Welt könnte für alle unfassbar großartig sein.

Und dann wachst du auf, an einem 12. Juli 2021. Montagmorgen. Du bist ungewöhnlich gut gelaunt, weil die Nacht erholsam war und Herr Katz dich bis halb fünf schlafen ließ. Die Morgenroutine läuft wie geschmiert und du bist überpünktlich unterwegs ins Büro.

Dann zückst du dein Handy. Liest.

Auf allen Social Media-Plattformen und auf den meisten Newsseiten ziehen sich die Berichte neuesten Ausbruch von Rassismus. Aufrufe zu Gewalt bis hin zu Mord – angeblich, weil bei der Fußball-EM drei Spieler der englischen Nationalmannschaft ihre Elfmeter nicht nutzen konnten.

Bist fassungslos.

Liest weiter.

Die restlichen 15 Minuten Arbeitsweg weinte ich still vor mich hin. Weinte um die Menschheit. Weinte für jene, die nun erneut und noch mehr Angst um ihr Leben haben. Weinte für jene, die wutschäumend Grauslichkeiten in die Welt brüllen. Weinte für jene, die in der Nacht nicht zuhause bleiben konnten, weil sie um Leib und Leben fürchteten. Weinte um alle, die tagtäglich mit diesem Wahnsinn konfrontiert sind.

Nur Fußball? Nein, die widerliche Fratze von Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Menschenhass

Nicht Fußball löste diesen Wahnsinn aus – es wurde nur erneut ein Schleier gelüftet. Und was tagtäglich gedacht und gesagt wird, stand plötzlich gut sichtbar im Rampenlicht. Fühlte sich sicher genug, ohne Konsequenzen oder Widerstand zu wüten.

Hier zeigte lange vorhandener Rassismus, gepflegte Frauenfeindlichkeit, purer Menschenhass seine widerliche Fratze. Und gleichzeitig war dort keine gesichtslose Masse am Werk. Wie auf mir auf Twitter die Worte aus dem Mund genommen das waren Väter, Brüder, Onkel, Neffen, Söhne, Freunde, Kumpels, Kollegen. Warum das wichtig ist? Darauf geh ich weiter unten ein.

Und löste Fassungslosigkeit aus bei jenen, die meinten, im Jahr 2021 wäre wir doch schon weiter. Resignation bei jenen, die schon so lange auf Veränderungen hinarbeiten. Die auf institutionalisierte -ismen hinweisen, Verbesserungsvorschläge machen. Die wieder und wieder aufstehen und sagen: So nicht!

Decke übern Kopf und durch? Nein danke.

Ich bin keine Kämpferin. Am liebsten würde ich mir die Decke über den Kopf ziehen und von alldem nichts mehr wissen. Ich bin aber Idealistin und kann die Welt sehen, wie sie sein könnte. Wenn jede:r mit sich selbst im Reinen ist oder zumindest passendes Werkzeug und Menschen um sich hat, um mit all dem, was ihn ängstigt, klein oder wütend macht, umzugehen und wieder in seine Mitte zu kommen. In seine Kraft.

Da saß ich also, Tränen in den Augen, Wut und Angst und Resignation im Bauch. Nichts tun? Bei dem Gedanken drehte sich mir der Magen um. Mich dem gesichtslosen Mob und ganz und gar nicht namenlosen Geiferern im Netz entgegenstellen? Auch nicht. Ja, ich darf mich auch hier um meine eigene Gesundheit kümmern. Und mir ist bewusst, welches Privileg es ist, sich diese Kämpfe aussuchen zu können.

Wo kann ich wirken?

Was konnte ich tun? Ich will mich nicht auf dieses Schlachtfeld ziehen lassen. Damit wird´s zum Perpetuum Mobile, Druck und Gegendruck. Also setze ich mit neuer Kraft auf den Ebenen an, auf denen ich gerade wirken kann.

Eine Ebene ist die energetische. Mit Trommel und Drachenkraft schickte ich Liebe in die Welt. Bat darum, dass sich Augen öffnen und Herzen verstehen. Stellte meine Fackel vor den aufbrandenden schwarzen Nebel aus Wut und Angst.

Für manche ist das “nichts wert”, weil nicht greifbar. Für mich ist es die Arbeit für eine neue Welt. Kein Hin und Her, keine Trennung. Stattdessen ein Raum, in dem Platz ist. Wo die einen toben können, ohne andere zu verletzen – bis sie merken, dass sie nur sich selbst verletzen. Und alle anderen leben können. Sein.

Das ist nicht ok! In der Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz

Und die zweite Ebene: Zweimal wurde ich heute in meinem Umfeld Zeuge unbedachter rassistischer “Witze” – und hab mich dagegen ausgesprochen.

Das ist nicht ok.

“Ach geh, das war doch lustig gemeint.”

Ich weiß, dass du es so meinst. Es ist nicht ok.

Weitere Male diskriminierende Ausdrücke der Wut.

Das ist nicht ok.

“Ach geh, du weißt doch, dass ich so nicht bin.”

Ich weiß. Deshalb ist es trotzdem nicht ok.

Es ist unbequem. Es kann Verbindungen lockern oder sogar lösen. Ich werde zur Spaßbremse und vielleicht Schlimmerem abgestempelt. Aber hier kann ich wirken. Nicht als Kriegerin mit Flamme und Schwert, nicht als Rächerin der Unterdrückten. Aber als Stimme des Herzens, die von ihrer Wahrheit nicht abweicht. Gerade dort, wo die Menschen ein Gesicht haben. Gerade dort, wo auch ich für jene Menschen eines habe. In der Familie. Im Freundeskreis. Am Arbeitsplatz. Wo man nicht gegen dieses abstrakte Ding von Wut, Hass, Abscheu kämpft, sondern mit Menschen spricht, die man mag, respektiert, mit denen man Mahlzeiten einnimmt. Wo man einander “kennt”. Dort spreche ich meine Wahrheit. In Zukunft klarer und deutlicher.

Und meine Wahrheit ist: Gewalt ist nicht ok. Unterdrückung ist nicht ok. Verachtung, Missbrauch, Entmenschlichung ist nicht ok. Nicht im Affekt, nicht “aus Spaß”, nicht unbedacht und unachtsam und schon gar nicht bewusst.

Hoffnung auf eine neue Welt: Wo wirkst du?

Es ist ok, dich zuerst um deine Sicherheit zu kümmern. Je stabiler du bist, umso gehaltvoller wird deine Wirkung sein.

Wenn du dich engagieren willst: Rede darüber, recherchiere, finde heraus, welche Möglichkeiten es gibt. Egal, in welche Richtung du aktiv sein willst – finde etwas, das dir und deinen Möglichkeiten entspricht.

Von Demos, Unterschriften, für Veränderung in die Politik gehen, Energiearbeit bei dir daheim, Spenden und psychologische Unterstützung für jene in der vordersten Reihe, tatkräftige Hilfe (wie zum Beispiel jene, die in der Nacht Frauen Zuflucht anboten, die vor ihren ob des Spiels frustrierten Männern fliehen wollten) … das sind nur die spontanen Dinge, die mir einfallen.

Und auch ich werde mich aktiver umsehen, wo ich wirken kann.

Wichtig: Bei allem eigenen Aktivismus, weil man einfach nicht still danebenstehen kann und will – unterstützt Betroffene. Teilt deren Posts und Beiträge, schaut euch mal Angebote, Künstler:innen, Expert:innen, etc. außerhalb der eigenen Blase an.

Der wichtigste Schritt, den jede:r von uns machen kann: Die eigenen Abgründe und Blindspots

Mein Geständnis: Ich hatte zutiefst rassistische und frauenfeindliche Denkweisen in mir. Weil ich im Laufe des Lebens Sprüche unreflektiert übernommen habe. Weil alle lachten und ich sie auch für lustig hielt. Weil vom Kinderbuch bis zur täglichen Sitcom dieses Gedankengut als “normal” präsentiert wird. Weil ich manchen Erklärungen eine Zeitlang tatsächlich geglaubt habe. Weil die ersten, die sich dagegen aussprachen, kollektiv angegriffen, lächerlich gemacht und teilweise ausgegrenzt wurden. Weil ich sie niemals hinterfragt hatte, was es eigentlich bedeutet.

Und ich habe wohl noch viel viel mehr internalisiert.

Es ist nicht lustig, da hin zuschauen. Verantwortung zu übernehmen, für die Fehler der eigenen Vergangenheit. Von anderen darauf aufmerksam gemacht werden, was man da eigentlich von sich gegeben hat. Sich dafür zu schämen. Zu erkennen, dass man bei weitem nicht unfehlbar ist oder wie weit man in manchen Bereichen noch von seinen eigenen Überzeugungen entfernt ist.

Genau deshalb ist es so wichtig. Anderen den Spiegel vorzuhalten und sie zur Veränderung aufzufordern ist vergleichsweise einfach. In den eigenen zu blicken macht uns zum Vorbild. Für eine neue Welt. Für die Menschheit.

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